Jubiläen (eb 11 | 2022)

In diesem Jahr hätte es ein ganz besonderes Jubiläum gegeben: Vor siebzig Jahren wurde in Dresden die Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ (HfV) gegründet – eine universitäre Einrichtung mit einem in ganz Deutschland einmaligem Profil. Sie umfasste alle Bereiche des Verkehrswesens: Eisenbahnwesen, Kraftverkehr/Straßenverkehr, Städtischer Nahverkehr/ÖPNV, Luftfahrt, Post- und Fernmeldewesen/Telekommunikation, Tourismus, zeitweise auch See- und Binnenschifffahrt und alle Disziplinen der Verkehrswissenschaften wie die Ökonomie des Transport- und Nachrichtenwesens, Verkehrswirtschaft, Verkehrstechnik, Verkehrsingenieurwesen und Verkehrsbauwesen. Das war einmalig. An der HfV haben über 22 000 Absolventen ihr Studium vollendet und es gab fast 2 000 Promotionen und Habilitationen. Das Eisenbahnwesen war eine der tragenden Säulen der Ausbildung. Darunter gab es über viele Jahre auch die spezielle Studienrichtung “Elektrotechnik/Elektrische Bahnen“ mit einem eigenen Institut. Der Vorteil für die Studierenden an der HfV war der mögliche Blick über den Tellerrand ihres Fachgebiets: Die anderen Disziplinen befanden sich im gleichen Haus. Die Ausbildung hatte einen systemischen Ansatz. Dass die Ausbildung erfolgreich war, zeigt sich bis heute daran, dass bei Bahnunternehmen, in Nahverkehrsunternehmen, der Bahnindustrie, in Ingenieurunternehmen und Behörden noch immer Absolventen der HfV beschäftigt sind.

Noch. Denn dies wird in wenigen Jahren nicht mehr so sein. Und damit kommen wir zu zwei weiteren Jubiläen, die im Zusammenhang mit der HfV zu sehen sind. Nach vierzig Jahren erfolgreicher Lehrund Forschungstätigkeit hat die HfV aufgehört zu existieren. Ihr Fortbestand war politisch nicht gewollt. In stark reduziertem Umfang werden seitdem Lehre und Forschung an der Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ an der Technischen Universität Dresden fortgeführt. Ein geringer Teil, insbesondere in den Bereichen Verkehrsbau und anfänglich auch (Bahn-)Fahrzeugtechnik und elektrische Bahnen, wurde an der im alten HfV-Hauptgebäude neugründeten Hochschule für Technik und Wirtschaft fortgeführt. Die Fakultät Verkehrswissenschaften und die HTW haben mithin in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum.

Mit dem zeitlichen Abstand von 30 Jahren und mit dem Wissen um die Rolle der Eisenbahn und des öffentlichen Verkehrs heute und dem damit verbundenen Personalbedarf darf man die Schließung der HfV zumindest nicht als optimal bezeichnen.

Die Studienzahlen an beiden Einrichtungen können den Bedarf im Sektor bei weitem nicht decken. Für die elektrischen Bahnen gibt es mit der Studienrichtung „Planung und Betrieb elektrischer Verkehrssysteme“ und der Vorlesung „Elektrische Bahnen“ für andere Studienrichtungen einen komplexen Ansatz. An der HTW können Studenten der Fahrzeugtechnik, der Mechatronik und der Elektrotechnik die Vorlesung „Elektrische Bahnen“ wählen und auch Abschlussarbeiten in diesem Fachgebiet anfertigen. Im Lehrgebiet Bahnbau kann man sich gezielt als Projektmanager ausbilden lassen. Das Bahnsystem als Ganzes einschließlich der Grundlagen der elektrischen Bahnen wird auch hier gelehrt. Leider ist dieser Studiengang für die Gewerke Bahnenergieversorgung und Fahrleitung nicht ausreichend. Späteren Arbeitgebern wird die vollständige Ausbildung überlassen. Die Anzahl der Absolventen und Studieninhalte sind ein Bruchteil dessen, was früher an der HfV ausgebildet und gelehrt wurde.

In der eb haben wir des öfteren über das Nachwuchsproblem im Bahnsektor berichtet. Die von der Politik gewünschte und geplante Erhöhung des Elektrifizierungsgrads oder auch nur des Anteils der elektrischen Traktion erfordert Ingenieure in der Entwicklung, Konstruktion, Planung, Projektleitung, Instandhaltung und Betriebsführung. Die gegenwärtig in Deutschland verfügbaren Ingenieurkapazitäten reichen nur für einen Bruchteil dessen, was nötig wäre, um die Ziele zu erreichen. Sie sind schlicht nicht da.
Und das gegenwärtige Abwerben von Fachkräften mit dem Köder einer maximalen Work Life Balance senkt eher die Effektivität des gesamten Sektors. Es geht also nur über die Ausbildung neuer Fachleute.

Und das ist auf einem Arbeitsmarkt, bei dem insgesamt Arbeitskräfte fehlen, eine große Herausforderung. Warum soll man beispielsweise ausgerechnet „Elektrische Bahnen“ studieren. Warum überhaupt ein Ingenieurstudium, und dann auch noch Elektrotechnik? Geld kann man auch leichter verdienen.

Weil elektrische Mobiliät, wozu elektrische Bahnen zweifelsohne zählen, eine der Hauptantworten auf die Klima- und Verkehrsprobleme unserer Zeit sind. Weil es nachhaltig ist. Weil es etwas mit regenerativen Energien zu tun hat. Weil es Umweltschutz ist. Weil es ohne Elektrizität nicht geht. Weil es krisensicher ist. Sind das Aspkete, die junge Leute anziehen? Dann müssen nur noch die Politik und die Hochschulen mitziehen und erkennen, dass sie mehr zu bieten haben als reine Elektrotechnik.

Dr. Steffen Röhlig
Chefredakteur