Elektrische Bahnen
Grüner Bahnhof; Wittenstadt
Das Empfangsgebäude des Bahnhofes in der Lutherstadt-Wittenberg soll kliamaneutral betrieben werden und wird daher auch als "Grüner Bahnhof" bezeichnet. (Foto: DB/Kai Michael Neuhold).

Wie klimaneutral ist der "Grüne Bahnhof" der Lutherstadt Wittenberg wirklich?

Im Festjahr zum 500. Reformationsjubiläum erhielt der Hauptbahnhof in Lutherstadt-Wittenberg ein neues Empfangsgebäude. Als Grüner Bahnhof bezeichnet, soll das Gebäude klimaneutral betrieben werden.

Nach Kerpen-Horrem in Nordrhein-Westfalen wurde am 9. Dezembr 2016 im Hauptbahnhof Lutherstadt-Wittenberg das zweite energieautarke Bahnhofsgebäude der DB offiziell in Betrieb genommen. Die Teilnahme hochrangiger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie des Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, zweier Vorstandsmitglieder der DB und des Oberbürgermeisters unterstreicht die Bedeutung, die Politik und DB der CO2-neutralen Energieanwendung beimessen.

Building Information Modeling für den Grünen Bahnhof in Wittenberg

Das Empfangsgebäude entstand mit der Methode des Building Information Modeling (BIM). BIM vereinigt alle Daten zu Materialien, Konstruktion und Kosten in einem Computermodell, das alle Beteiligten gleichzeitig einsehen können. Das Baukonzept Grüner Bahnhof ist flexibel auf die Anforderungen mittelgroßer bis großer Empfangsgebäude anwendbar. Die Grundstruktur basiert auf einem Raster 5 x 5 m, das den jeweiligen Anforderungen angepasst werden kann. Das Primärtragwerk besteht aus Stahl und Stahlbeton. Der Bezug von Materialien und Baustoffe aus der Region sowie die Beimischung des Betons mit Flugasche führten zu CO2-Reduzierungen in der Bauphase. Mit Hilfe von Erdwärme übernimmt eine Geothermieanlage die Beheizung und Kühlung des Gebäudes. Die dazu notwendige Gasabsorptionswärmepumpe wird mit Biogas betrieben.

Regenwasser für die Toiletten

Eine auf dem Dach befindliche Photovoltaikanlage versorgt das Gebäude mit Elektroenergie. Eine Speichermöglichkeit für überschüssige Energie ist nicht vorhanden. LED-Leuchten und ein hoher Tageslichtanteil gewährleisten eine energiesparende Beleuchtung. Ein Gründach verbessert das Mikroklima und verzögert den Ablauf des Regenwassers. Dieses wird für die Wasserversorgung der Toiletten gesammelt. Der Jahresenergiebedarf soll über die Photovoltaikanlage und die Geothermie abgedeckt werden und beinhaltet die Energie für Heizen, Kühlen, Lüften, Warmwasserbereitung und Beleuchtung des Empfangsgebäudes. Der Betrieb der Gebäudefunktionen soll abgesichert sein. Der Energiebedarf der Mieter ist hier nicht enthalten. Der Neubau der Bahnsteige 5/6 an der Strecke Falkenberg – Dessau, dessen Tunnelzugang  sowie Maßnahmen im Außenbereich des EG werden im Laufe des Jahres 2017 abgeschlossen.

Kommentar zum Konzept des "Grünen Bahnhofs":

Der sogenannte Grüne Bahnhof ist ein gutes Beispiel, wie schwierig es ist, die Energiewende zu gestalten, die für klimaneutrale Energieanwendung steht. Die Heizung/Klimatisierung wird von einer mit Biogas betriebenen Wärmepumpe realisiert. Die negativen Folgen der Biogasgewinnung, wie Qualitätsminderung des Bodens und des Grundwassers, Artenreduzierung bei Pflanzenund Tieren, CO2-Emissionen bei den Transporten der Biomasse, Anstieg der Bodenpreise landwirtschaftlicher Nutzflächenund damit Einsatz von Genfutter in der Milcherzeugung dürften bekannt sein. Die Probleme beim massenhaften Einsatz von Erdwärmesonden sollen hier nur angerissen werden. Da keine Speichermöglichkeit für Elektroenergie vorhanden ist, muss der Ausgleich vom öffentlichen Netz und damit zum Teil von konventionellen Kraftwerken übernommen werden. Überschüssige Energie an Tagen mit starker Sonneneinstrahlung vergrößert das Überangebot an Elektroenergie im Netz. Daten zur Energiebilanz zum Beispiel des EG in Kerpen-Horrem waren nicht zu erhalten. Um den Vorwurf der Schummelei zu entkräften, sollte man bei den genannten Empfangsgebäuden besser von CO2-reduzierter Energieanwendung sprechen. (sg)

Grüner Bahnhof, Wittenberg
Infografik des Empfangsgebäudes Lutherstadt-Wittenberg (Quelle: DB Station & Service, Stand: Dezember 2016)
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