Elektrische Bahnen
Immer mehr Bahnen in Deutschland nehmen die Ausbildung ihres Lokführernachwuchses in die eigene Hand oder setzen auf Quereinsteiger. (Quelle: DB)

Lokführer: Beruf mit dem größten Nachwuchsmangel

Fast ein halbes Jahr müssen Unternehmen warten, bis sie eine offene Lokführerstelle besetzen können. Unternehmen müssen ihren eignen Weg finden, mit dem Fachkräftemangel umzugehen.

Immer mehr Bahnen in Deutschland nehmen die Ausbildung ihres Lokführernachwuchses in die eigene Hand oder setzen auf Quereinsteiger, die sie zum Triebfahrzeugführer umschulen. „In der Liste der Bundesagentur für Arbeit ist Lokführer der Beruf mit dem größten Nachwuchsmangel. Durchschnittlich 167 Tage müssen Unternehmen warten, bis sie eine offene Lokführerstelle besetzen können“, sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene am Mittwoch in Berlin. „Doch die Eisenbahnbranche begegnet diesem Notstand inzwischen mit beträchtlicher Energie.“ Mit Verweis auf die unternehmensübergreifende Stellenbörse SchienenJobs.de erläuterte Flege, wie Bahnunternehmen in allen Altersstufen auf Nachwuchssuche gehen. „Schon Mädchen und Jungen, die gerade die Schule abgeschlossen haben, finden mit wenigen Klicks eine Stelle als Azubi für den Betriebsdienst überall in Deutschland“, sagte Flege. Berufserfahrene Lokführer könnten sich den Arbeitgeber inzwischen fast frei aussuchen, während für jobmüde Büroarbeiter die Chancen für den Ausstieg so günstig seien wie noch nie. „Abellio qualifiziert Quereinsteiger in NRW und Sachsen-Anhalt, vlexx wirbt für Umschüler in Rheinland-Pfalz, Keolis sucht Neuzugänge in NRW, Go-Ahead wirbt in Baden-Württemberg und Lokomotion bietet Qualifizierungskurse in Bayern. Die SBB haben eine eigene Lokführer-Akademie gegründet. Die Zeiten, in denen allein die Deutsche Bahn als Ausbilder aktiv war, die sind endgültig vorbei“, sagte Flege.

Werbung in eigener Sache betreiben

Der Allianz pro Schiene-Geschäftsführer zeigte sich überzeugt, dass Lokführer immer noch das Zeug zum Traumberuf habe. „Viele junge Leute wollen einen Beruf, in dem sie auf der Höhe der neuesten Technik arbeiten und zugleich etwas mit Menschen zu tun haben. Und sie wollen etwas bewegen. All das tut ein Lokführer jeden Tag“, sagte Flege und führte zum Beleg den Wettbewerb „Eisenbahner mit Herz“ an. „In diesem Jahr sind 14 Lokführer und zwei Lokführerinnen von Fahrgästen für den Titelgewinn vorgeschlagen worden. Viele Lokführer in den Metropolen werden von treuen Pendler-Gemeinden mit Lob überschüttet. Soviel Anerkennung im Arbeitsalltag suchen andere Berufsgruppen vergeblich.“ Ein Hindernis für potenzielle Interessenten seien Bezahlung und Schichtdienst. Das Thema „Automatisierung“ schätzte Flege nicht als Problem ein. „In den nächsten Jahrzehnten wird es vor allem darum gehen, den Fahrer mit Assistenzsystemen zu unterstützen – nicht zu ersetzen.“

Wandel des Berufsbildes Lokführer gestalten

Auch der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, Alexander Kirchner, der zugleich Vorsitzender der Allianz pro Schiene ist, sieht in der Digitalisierung im Eisenbahnbereich keine Bedrohung für den Lokführerberuf. „Szenarien, wonach schon in naher Zukunft, Züge autonom und damit ohne Lokführer unterwegs sein werden, sind unrealistisch“, sagte Kirchner. „Für diese spannende und verantwortungsvolle Aufgabe werden wir noch lange engagierte Kolleginnen und Kollegen brauchen. Insofern müssen wir verstärkt Interesse wecken, um die augenblickliche Mangelsituation schnellstmöglich zu ändern.“ Dabei sei es die Aufgabe der EVG, den Wandel des Lokführerberufs zu gestalten. „Das Berufsbild wird sich ändern, keine Frage. Klar ist, dass wir als Gewerkschaft diesen Wandel nicht nur begleiten sondern auch gestalten werden – im Sinne der Beschäftigten“, sagte Kirchner.

Bundesregierung unterstützt nur Lkw und Binnenschiff

Unzufrieden zeigten sich Allianz pro Schiene und EVG mit der Förderpraxis der Bundesregierung. „Der Bund unterstützt die Mitarbeitergewinnung und -Qualifizierung beim Lkw und beim Binnenschiff mit Millionenbeträgen. Den Beschäftigten der Bahnbranche kommt diese Förderung nicht zugute“, kritisierten Flege und Kirchner. „Spätestens seit der Lokführer beim Fachkräftemangel mit Abstand an der Spitze steht, ist diese Ungleichbehandlung unverständlich. Wir empfehlen der Politik, die gewährten Fördermittel zur Beschäftigung und zur Aus- und Weiterbildung auch den Unternehmen der Bahnbranche zur Verfügung zu stellen“, sagten EVG-Chef Kirchner und Allianz pro Schiene-Geschäftsführer Flege. (kfg)

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