Elektrische Bahnen
4. IGV Nahverkehrskongress in Salzburg
Selbstfahrender Mini-Bus auf dem 4. IGV Nahverkehrskongress: Der Minibus fuhr dabei auf einer vorgegebenen Teststrecke vollständig automatisiert im Mischverkehr. (Quelle: VOR)

Kernfragen künftiger Mobilität: Nachbericht zum 4. IGV Nahverkehrskongress in Salzburg

Der 4. IGV Nahverkehrskongress in Salzburg stand in diesem Jahr ganz unter dem Stern des Zukunftsdenkens. Gemäß dem Motto „Stillstand ist Rückschritt“ nahmen sich die Experten aus Verkehrsunternehmen, Verkehrsverbünden, Interessensvertretungen, Think Tanks und Wissenschaft den Herausforderungen der zukünftigen Mobilitätsfragen an.

Wird der Öffentliche Verkehr wegdigitalisiert? Werden selbstfahrende Autos den Personenverkehr auf der Bahn ersetzen? Übernehmen Öffi-Drohnen die Macht? Molekularisieren sich die großen Gefäße im Öffentlichen Verkehr? Was tun gegen drohende Verkehrsinfarkte und warum gibt es im kleinen Finger keine Aorta?

Die technischen Möglichkeiten sind auch in Fragen der Mobilität scheinbar unbegrenzt, doch wie werden und wollen wir uns künftig von A nach B bewegen? Sind selbstfahrende Autos die Antwort auf Stau und Stress oder droht mit fortschreitender Digitalisierung der große Jobkiller im Öffentlichen Verkehr? Immerhin machen Personalkosten derzeit einen großen Teil der Kosten aus, da erscheint der Modebegriff „autonomes Fahren“ zumindest aus Sicht der Beschäftigten möglicherweise in einem ganz anderen Licht. Auf dem 4. Nahverkehrskongress, veranstaltet von der Interessengemeinschaft Österreichischer Verkehrsverbünde (IGV) und dem Fachverband der Schienenbahnen (WKO) gemeinsam mit den Gastgebern Land Salzburg, Salzburger Verkehrsverbund (SVV) und Salzburg AG wurden diese wichtigen Fragen offen und kontrovers diskutiert.

Kontroverse Diskussion

Diskussionsbeiträge und teilweise aufrüttelnde Impulse kamen vom renommierten Zukunftsforscher Matthias Horx, der das Konzept der Megatrends anhand der Mobilitätsfrage plastisch darlegte und gleich einmal vor allzu großer Sicherheit bei der Prognose von Zukunftsfragen warnte. Unterschätzen dürfe man aber weder in der Automobilbranche noch im Öffentlichen Verkehr die massiven Umwälzungen, die durch Digitalisierung, neue Arbeits- und Lebensformen oder gesellschaftliche Umbrüche möglich sind. Der Drohne als großem Heilsbringer in Transport- und Mobilitätsfragen erteilt Horx auf Nachfrage eine klare Absage.

Aus der Sicht eines Insiders der Automobilindustrie beleuchtete Dipl. Ing. Thomas Waschke die Fragen, wie sich die Menschen der Zukunft bewegen werden, wie Mobilität in urbanen Räumen morgen aussehen könnte oder welche Art von Autos in ein paar Jahrzehnten unterwegs sein könnten. Den Vertretern des Öffentlichen Verkehrs schenkte Waschke jedenfalls reinen Wein ein – Bewegung und Initiative sind gefragt, einfach Weitermachen keine vielversprechende Zukunftsoption.

Mobiles Büro und Hyperloop

Der Strategieberater Mag. Michael Schützenhofer präsentierte ein Potpourri an möglichen Mobilitätsformen, die durch fortschreitende Digitalisierung denkbar sind – von Musks Hyperloop bis zum mobilen Büro der Zukunft, das sich zu und mit den Menschen bewegt, anstatt wie heute umgekehrt.

Digitalisierung, Datenmanagement und wirtschaftliche Aspekte waren die Leitthemen von Friedemann Brockmeyer (Civity) und Alexander Gänsdorfer (T-Mobile). Auf den Boden der Realität und dann gleich wieder in luftige Höhen wurden die Teilnehmer des 4. Nahverkehrskongresses von Dr. Markus Schrentewein befördert. Der Vertreter des weltweit erfolgreichen Österreichischen Unternehmens Doppelmayr berichtete von den bahnbrechenden Möglichkeiten von Seilbahnen als Nahverkehrsmittel im städtischen Bereich.

Der Kongress bot seinem Publikum zum Abschluss eine Podiumsdiskussion zwischen Vertretern unterschiedlichster Interessen zum Thema „Wer ist komplementär, wer Konkurrenz zum ÖV und was bringt die Zukunft?“.

So räumten Verantwortliche der Schienen- und Regionalbusdienstleister (ÖBB-PV und Dr. Richard) sowie des Salzburger Verkehrsverbundes (SVV) „Newcomern“ wie Uber durchaus große Chancen als ergänzende Mikro-ÖV-Option ein. Als Ergänzung deshalb, weil Fahrgäste auf dem letzten Kilometer zum Ziel gebracht werden wollen – und dafür sind die klassischen Busse und Bahnen schlicht zu träge und teuer. ISTmobil-Stimme Alexander Stiasny, Bsc, ermahnt bei aller Euphorie über neue Mobilitätslösungen samt Newcomern wie Uber, dass die Erfüllung von arbeitsrechtlichen Bestimmungen wie Nacht- bzw. Arbeitszeitbeschränkungen nicht in Frage gestellt werden dürfen. Seitens Uber gibt es die Zusage, alle rechtlichen Kriterien zu erfüllen und in Österreich und Deutschland keine Privatleute zu engagieren, sondern Mietautofirmen und Taxiunternehmen. Dadurch stehe die Frage nach der sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern außer Diskussion.

Euphorie über neue Moblitätslösungen

Auch die Podiumsdiskussion streifte kurzzeitig das Thema „Autonomes Fahren“, wobei der provokative Impuls der Zubetonierung aller Schienen zugunsten von Asphaltstraßen für selbstfahrende Autos auf recht starken Widerstand nicht nur seitens der ÖBB stieß. Wie Klaus Garstenauer von den ÖBB kann sich auch Allegra Frommer, SVV, autonome Fahrzeuge im ÖV-Alltag zwar vorstellen, plädierte aber für die Priorisierung realer Probleme. „Der ÖV sei nicht sexy“ und schafft es im Gegensatz zur Automobilbranche mehr schlecht als recht, sich durch ein positives Image im Bewusstsein der Menschen zu manifestieren. Nichts desto trotz sind die großen Mobilitätsströme – etwa zur Rush Hour in großen Städten – nicht mit noch mehr PKWs, sondern nur mit großen Gefäßen (U-Bahn, Bussen und Bahnen) zu bewerkstelligen.

DI Franz Schwammenhöfer vom BMVIT ließ zum Schluss aufhorchen durch den Hinweis, dass niemand dazu berechtigt sei, sich vor der gegenseitigen Wegnahme von Fahrgästen zu fürchten, denn: Das ganze System sollte mehr sein als die Summe seiner Fahrgäste.

Testfahrt mit autonom fahrendem Mini-Bus

Die Teilnehmenden konnten nach Ende des Kongresses noch eine Testfahrt mit einem selbstfahrenden Minibus machen. Der Minibus fuhr dabei auf einer vorgegebenen Teststrecke vollständig automatisiert im Mischverkehr. Organisiert wurde die Fahrt von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft, das Testfahrzeug stammt von der französischen Firma Navya. Es handelte sich dabei um das Modell „Arma“, das als intelligentes, elektrisch betriebenes Shuttle für bis zu 15 Personen konzipiert wurde. (kfg)

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