Elektrische Bahnen
Im Bewerbungsgespräch bleibt nicht viel Zeit, um von sich zu überzeugen. (Quelle: energepic.com/Pexels)

Persönlich im Vorstellungsgespräch überzeugen

Nach gängiger Schätzung hat man maximal 90 Sekunden Zeit, um im Bewerbungsgespräch zu überzeugen. Was neben einer guten Vorbereitung Ausschlag gebend ist, verrät unsere Karriereberaterin Hilde Freund.

Die Leserzuschrift:

Sehr geehrte Frau Freund,

ich bin ehrlich gesagt einigermaßen ratlos und schon leicht frustriert. Ich befinde mich zurzeit im beruflichen Veränderungsprozess, habe mich bereits auf diverse interessante Stellen beworben und wurde auch tatsächlich häufig zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Aber dann folgte bisher immer eine Absage – die jeweils ziemlich nichtssagend formuliert war. Ich frage mich jetzt wirklich: Wenn ich doch so gut auf das Profil passe, dass ich schon mal persönlich eingeladen werde – was mache ich denn dann im Gespräch scheinbar grundlegend falsch? Ich habe die Termine nochmals gedanklich Revue passieren lassen, aber mir fällt kein Punkt oder Thema auf, wo ich mich so negativ verhalten oder geäußert hätte, dass sich mein Gegenüber eine Zusammenarbeit nicht vorstellen kann. Haben Sie eine Idee oder einen Ansatzpunkt für mich, wie ich diese Hürde erfolgreich nehmen kann? Ich bin für alles offen und habe kein Problem mit konstruktiver Kritik! Hier noch kurz ein paar Fakten: Ich habe in der Vertiefungsrichtung Verkehrstechnik studiert, mit gutem Erfolg abgeschlossen und bin nun seit gut 5 Jahren im Job als Projektmanager für Verkehrsinfrastruktur. Wechseln will ich, weil mein Arbeitgeber von einem größeren Marktbegleiter übernommen wurde und ich mich mit dem neuen Management und in den neuen Strukturen nicht mehr wohl fühle.

 

Hallo lieber Leser,

das ist wirklich eine vertrackte Situation für Sie, und ich kann Ihren Frust und die Enttäuschung sehr gut verstehen. Man fühlt sich hilflos, weil man so gar nicht weiß, wo man ansetzen und eventuell etwas verändern oder verbessern kann.

Gehen wir doch zunächst einmal die gängigsten Möglichkeiten durch: Woran ich bei Ihnen gleich gedacht habe ist, wie Sie wohl Ihre Wechselmotivation darstellen. Es gibt da ein wichtiges No-Go: Niemals schlecht über den jetzigen Vorgesetzten oder Arbeitgeber reden! Denn daraus folgert das neue Unternehmen: Wenn Herr XY das aktuell so macht, wird er sich, wenn er für uns tätig ist, aller Wahrscheinlichkeit ebenso verhalten. Das passt nicht zu uns, wir suchen loyale Mitarbeiter.“ Begründen Sie Ihre Jobsuche in kurzen klaren und möglichst objektiven Worten: Durch die Firmenübernahme haben sich die Entscheidungswege erheblich verschlechtert, Zuständigkeiten sind unklar und Prozesse ziehen sich über Gebühr in die Länge. Sie möchten diese Situation nicht über längere Zeit „aussitzen“, sondern sehen sie als Signal für eine persönliche Veränderung und Weiterentwicklung – in etwa so oder ähnlich.

Nicht lästern

Andere Punkte könnten sein: Das äußere Erscheinungsbild – ich gehe jetzt einmal davon aus, dass Sie sich hier an die üblichen Spielregeln (entweder Anzug, wahlweise mit Krawatte, oder die lässigere Variante Hose / Sakko / Hemd) halten. Und von Kopf bis Fuß tätowiert oder gepierct werden Sie vermutlich auch nicht sein, das können wir somit vernachlässigen. Eher sehe ich gewisse Stolpersteine in Ihrem Auftreten und der entsprechenden Außenwirksamkeit.

Die meisten Partner im Bewerbungsgespräch legen großen Wert auf Klarheit, Offenheit und „Authentizität“. Wenn ein Kandidat zu sehr herumdruckst, sich immer nur allgemein ausdrückt, bei seinen Antworten kaum die Ich-Form nutzt, sondern immer über „man“ und „wir“ redet, wir das negativ aufgefasst. Das kommt einfach zu schwammig rüber, ist in den Augen der Entscheider „nicht Fisch nicht Fleisch“. So jemand möchte man nicht unbedingt im Team haben, das ist kein Gewinn. Äußern Sie Ihre Antworten klar und ruhig, suchen Sie den Blickkontakt, geben Sie plastische Beispiele aus Ihrem Berufsalltag und schildern Sie sachlich Ihre Handlungsweise: „Diese Situation habe ich de-eskaliert, indem ich…“ oder „Bei diesem Projekt habe ich zunächst einmal alle Beteiligten abgeholt und auf den gleichen Informationsstand gebracht, um Zuständigkeiten zu klären und Termintreue sicherzustellen.“ In diesem Stil etwa.

Kante zeigen

Ungut ist auch, wenn Ihr Gegenüber das Gefühl entwickelt, Sie weichen aus und drücken sich um Entscheidungen. In jedem Job und in jeder Position gibt es sensible Themen, in denen Transparenz und klare Worte gefragt sind – und das gilt nicht nur in Führungsaufgaben. Lassen Sie durchaus spüren, dass Sie Standing haben und auch mal Kante zeigen können, wenn es die Situation erfordert. Bleiben Sie dabei verbindlich und diplomatisch; die Holzhammer-Methode ist zu keiner Zeit angebracht.

Zu einem souveränen Auftreten gehört auch, dass man zugibt, wenn man etwas nicht weiß bzw. in einem bestimmten Gebiet nicht erfahren genug ist. Oft handelt es ich hier einfach um Tests des Fragestellers, der eingrenzen möchte, wo Sie ihre fachliche Heimat haben und sattelfest sind. Zu sagen „Damit hatte ich bisher nur am Rande zu tun und bin mir deshalb unsicher, hätte aber folgende Idee dazu…“ ist ein Ausdruck von Sicherheit und Souveränität, und nicht von Schwäche.

Fachabteilung vs. Personalabteilung

Was ich leider auch oft erlebe: Der Personalbereich hält den Bewerber für passend und lädt ihn zum Gespräch ein. Die Fachabteilung aber hat die Messlatte wesentlich höher gelegt und möchte einen neuen Mitarbeiter, der zu 100% deren Vorstellungen und Wünsche erfüllt. Auch das ist in der Regel Wunschdenken, und nach zahlreichen Vorstellungsgesprächen muss sich der Fachbereich schließlich selbst die Frage stellen, ob seine Erwartungen realistisch und am Markt durchsetzbar sind, oder ob nicht doch eine 80%-Lösung mit der Option „beim Rest investieren wir in den neuen Mitarbeiter und bringen ihm die fehlenden 20% bei“ die erfolgreichere wäre. Dadurch sind Stellen oft über viele Monate unbesetzt und werden immer wieder ausgeschrieben, was natürlich zur Verwunderung bei manchem Bewerber führt.

Ich stelle im Allgemeinen fest, dass vonseiten der Unternehmen oft nur recht oberflächlich über die Bewerbungsunterlagen gelesen wird. Man findet die richtigen Schlagworte und lädt anhand derer zum Gespräch. Oder man ist gar nicht so wirklich überzeugt von der schriftlichen Bewerbung und hofft, der Kandidat präsentiert sich im persönlichen Gespräch besser und macht einige Schwachstellen durch seine Persönlichkeit wett. Das funktioniert aber nicht – denn in den meisten Fällen präsentiert sich der Mensch hinter der Bewerbung authentisch zu seinen Unterlagen.

Hoffentlich habe ich Sie jetzt nicht „überflutet“ mit den vielen möglichen Gründe und Optionen. Gehen Sie die Möglichkeiten einfach der Reihe nach durch und haken Sie sie für sich ab. Versuchen Sie, „live“ Ihre Antworten zu formulieren und testen Sie sich im Selbstversuch. Je empathischer Sie hier agieren, desto größer ist die Chance dass der „Funke“ auf Ihr Gegenüber im Gespräch überspringt. Präsentieren Sie sich ehrlich, Schauspielerei wird von geübten Personalern schnell als solche entlarvt. Die richtige Stelle wartet noch auf Sie!

Ich drücke die Daumen und wünsche Ihnen gutes Gelingen und eine erfolgreiche Neuorientierung.

Ihre Hilde Freund

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