Elektrische Bahnen
Wer sich in seinem Job nicht weiterentwickelt und in einer Sackgasse angekommen ist, der sollte möglichst bald aktiv werden. (Quelle: niekverlaan/pixabay.com)

In der Karriere-Sackgasse: Blockiert der Chef absichtlich?

Meist sind es die Fleißigen und die Ambitionierten, die in eine Karriere-Sackgasse geraten. Obwohl die sogenannten Leistungsträger alles gut und richtig machen, geht es doch nicht voran. - Und das erzeugt über kurz oder lang Frust. Wenn Beförderungen regelmäßig an die Kollegen gehen, ist es Zeit, sich über die eigene Situation klar zu werden.

Die Leserzuschrift:

Sehr geehrte Frau Freund,

seit mehreren Jahren trete ich in meinem Job nun schon auf der Stelle. Ich arbeite als Elektroingenieur im Bereich Schienenfahrzeuge in einem Unternehmen mit knapp 8.000 Mitarbeitern. Mein Job hat mir bisher wirklich Spaß gemacht und ich konnte mir umfassendes Fachwissen aneignen. Parallel zur Projektarbeit leite ich auch ein „Center of Competence“. Doch seit mehr als zwei Jahren verändern sich meine Aufgaben so gut wie gar nicht mehr. Ehrlich gesagt fühle ich mich mittlerweile dadurch unterfordert und leicht frustriert bis unmotiviert. Manchmal denke ich mir morgens: „Gehst Du wirklich noch gerne in die Arbeit?“ Ich frage mich, ob ich nicht einen radikalen Schnitt machen und mir einen anderen Arbeitgeber samt neuer, herausfordernder Aufgabe suchen soll, verbunden mit einem Karriereschritt. Wie sind Ihre Erfahrungen zu diesem Thema? Schon jetzt herzlichen Dank, dass Sie sich mit meiner Problemstellung beschäftigen. 

 

Sehr geehrter Fragesteller,

das sind tatsächlich konkrete und massive Anzeichen einer Karrieresackgasse. Speziell Ihre Überlegungen, ob Ihnen Ihr Job noch Spaß macht, interpretiere ich als warnendes Ausrufezeichen: Es muss ich etwas ändern!

Aber lassen Sie uns die Situation ruhig und überlegt angehen. Ein „radikaler Schnitt“, wie Sie es nennen, darf nie aus einem Frustgefühl heraus geschehen, sondern soll gut geplant erfolgen.

Erster Schritt: Versuchen Sie konkret zu analysieren: Woran kann es liegen, dass ich nun schon so lange in meiner aktuellen Position „hängenbleibe“? Werde ich übergangen? Sind Kollegen auf gleichem Level, die vielleicht noch nicht so lange im Unternehmen sind, an mir vorbeigezogen? Werden meine Ideen abgelehnt? Habe ich überhaupt die Chance, meine Vorschläge einzubringen und vorzustellen?

Zweiter Schritt: Halten Sie sich Ihre bisherige Leistung genauer vor Augen, visualisieren Sie Ihre zehn wichtigsten beruflichen Erfolge in den vergangenen Jahren. Sie werden überrascht und vor allem stolz sein, wie weit Sie gekommen sind und was Sie bereits erreichen konnten! Mit diesem Selbstbewusstsein lässt sich der Weg einer beruflichen Veränderung – egal ob intern oder extern - wesentlich leichter beschreiten als mit einer frustrierten, unmotivierten Einstellung.

Mir drängt sich hier ein ganz bestimmter Gedanke auf: Besteht die Möglichkeit, dass Ihr Chef der Verursacher Ihres Karrierestillstandes sein kann? Ich komme darauf, weil Ihre Jobbeschreibung sich für mich so anhört, als wären Sie in seinem Team und seiner Abteilung ein wichtiger Know-how-Träger und eine Schlüsselfigur. Hier könnte der Hase im Pfeffer liegen: Sie sind zu gut! Dieses Schicksal ereilt so manchen Leistungsträger; Ihr Vorgesetzter braucht Sie und Ihr vielschichtiges Wissen an genau dieser Stelle; darum will er Sie nicht ziehen lassen. Es heißt nicht umsonst „Never change a winning team“ – aber leider kann sich eine solche Konstellation auch zum goldenen Käfig entwickeln. Vermutlich war bereits Ihr „Job Enrichment“ zum CoC-Leiter eine Maßnahme in diese Richtung nach dem Motto„Wir geben ihm etwas mehr Fachverantwortung und eine größere Spielwiese, damit er nur ja nicht auf die Idee kommt, woanders hin wechseln zu wollen.“

Haben Sie sich in ihrem Unternehmen auch schon in anderen Abteilungen beworben? Und wurden Ihre Bewerbungen stets abschlägig beschieden? Auch das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Ihr Chef blockiert. Hier gibt es nur eine Lösung: Gehen Sie aktiv auf Ihren Vorgesetzten zu und suchen Sie das Gespräch mit ihm. Verdeutlichen Sie ihm Ihre Situation und wie Sie sich dabei fühlen. Legen Sie ihm Ihre Ziele dar und diskutieren Sie mit ihm, ob es vielleicht einen gemeinsamen Weg dorthin geben kann. Wenn er auf diese Weise merkt, wie ernst es Ihnen ist, muss er seine Verteidigungsposition aufgeben und zusammen mit Ihnen überlegen, welche Möglichkeiten es für Sie gibt.

Unter Umständen hatte Ihr Chef bisher auch die Befürchtung, dass Sie ihm mit einer Beförderung selbst gefährlich werden könnten, an ihm vorbei ziehen würden und letztlich eine Position einnehmen, die er für sich selber als nächsten Schritt eingeplant hat. Diese Angst lässt sich im Dialog neutralisieren. Machen Sie ihm klar, dass es Ihnen überhaupt nicht darum geht ihn zu überholen, sondern wieder mehr Spannung und Attraktivität in Ihre Tätigkeit zu bringen. Im besten Fall wird er verstehen dass es geschickter ist, Sie und Ihr Know-how im Unternehmen zu behalten und wird Sie in Ihren Bemühungen fördern und unterstützen.

Lassen Sie uns auch noch die Unterschiede eines internen oder externen Wechsels beleuchten: Je nachdem wohin für Sie intern die Reise gehen könnte, sollten Sie folgende Überlegung nicht außer Acht lassen: Eine Beförderung kann aus bisherigen Weggefährten auch Konkurrenten machen! Damit muss man umzugehen wissen. Generell müssen Sie für sich definieren, welcher Art Ihre Weiterentwicklung sein soll. Wo sind Sie gut, was sind Ihre Stärken? Liegt Ihnen das Thema Personalführung? Inwieweit haben Sie Spaß an betriebswirtschaftlichen Aspekten, sprich Budgetierung, Forecasting, Controlling? Hier sollte es im Nachhinein kein böses Erwachen geben.

Ein externer Wechsel bedeutet: Verlassen der vertrauten Komfortzone, kompletter Neuaufbau eines Netzwerkes, Erlernen wie das neue Unternehmen tickt, Vertraut machen mit der dortigen Kultur. Die Konsequenzen eines solchen Stellenwechsels sind nicht zu unterschätzen und sollten ausreichend reflektiert werden. Aber: Wenn Sie das Gefühl haben, sich zu sehr verbiegen zu müssen, um im eigenen Unternehmen voranzukommen, sollten Sie lieber den Blick über den Tellerrand wagen und sich nach außen orientieren. Dort gibt es mit Sicherheit spannende Perspektiven für Sie.

Und noch etwas zum Schluss: Wenn Sie extern eine neue Herausforderung suchen und zu einem ersten Kennenlern-Gespräch eingeladen werden, bitte führen Sie NIE Frustration im aktuellen Job als Grund für Ihren Veränderungswillen an! Sie können sich sicher unschwer vorstellen, welche Schlüsse ein künftiger Arbeitgeber aus einer solchen Begründung zieht. Die Antwort auf diese Frage sollte „persönliche Weiterentwicklung“ lauten, was ja auch absolut der Wahrheit entspricht.

Mit besten Grüßen

Hilde Freund

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