Elektrische Bahnen

Im Gespräch mit Dr. Hans-Jürgen Witschke, Vorsitzender der Geschäftsführung der DB Energie

Unter ökologischen Gesichtpunkten sind elektrische Bahnen die derzeit „saubersten" öffentlichen Verkehrsmittel. Dabei zählt die Deutsche Bahn zu den größten Stromverbrauchern in Deutschland. Wie lässt sich da ein größerer Anteil erneuerbarer Energien am StromMix schaffen? Und wie sieht die DB-Strategie für die nächsten Jahrzehnte aus? Ein Gespräch mit Dr. Hans-Jürgen Witschke, Vorsitzender der Geschäftsführung der DB Energie.

eb: Die Bahn gilt als umweltfreundlichstes Verkehrsmittel – sofern elektrisch angetrieben. Wie groß ist heute der Anteil der elektrischen Traktion an der Transportleistung der DB?

Dr. Witschke: Im Personenverkehr liegt der Anteil der Verkehre unter Fahrdraht bei knapp 90 Prozent, im Schienengüterverkehr entfallen sogar mehr als 95 Prozent der Transportleistung auf elektrisch angetriebene Züge.

eb: Wie groß ist demnach der derzeitige Bedarf an elektrischer Energie und wie wird er gedeckt?

Dr. Witschke: Der Traktionsstromverbrauch der Bahnen in Deutschland lag 2010 bei rund 10,3 TWh. Dazu kommen rund 1,7 TWh für Bahnanlagen wie Weichenheizungen, Bahnhöfe oder Signalisierung. Damit zählt das System Bahn zu den größten Stromverbrauchern in Deutschland. Der Gesamtbedarf von 12 TWh entspricht dem Verbrauch der Metropole Berlin oder knapp 2 Prozent des Jahresbedarfs Deutschlands. Rund 70 Prozent ihres Bedarfes für die Bahnstromversorgung bezieht DB Energie über Kraftwerksverträge, der Rest wird über Umformer- und Umrichterwerke aus dem öffentlichen Netz eingespeist.

eb: Und der Anteil der alternativ erzeugten Energie?

Dr. Witschke: Der Anteil der erneuerbaren Energien am Traktionsstrom-Mix lag 2010 nach vorläufigen Angaben bei 19,8 Prozent und damit – wie in den vergangenen Jahren auch – deutlich über dem des öffentlichen Mixes.

eb: Das Mobilitätsbedürfnis der Menschen und die Gütertransporte nehmen voraussichtlich weiter zu. Wie wird sich der Energiebedarf der Bahn entwickeln – brauchen wir mehr Kraftwerke und leistungsfähigere Netze?

Dr. Witschke: Trotz steigender Verkehre gehen wir nicht von einem erhöhten Energiebedarf des Systems Bahn in den nächsten Jahren aus. Vielmehr wird der Mehrbedarf an Energie durch Erfolge beim Energiesparen, zum Beispiel durch noch effizientere Fahrzeuge, kompensiert werden. Ob dies auch für den Leistungsbedarf gilt, hängt insbesondere an der Entwicklung der Verkehrsdurchmischung sowie an den gefahrenen Geschwindigkeiten. Nach heutiger Einschätzung werden für den Bahnbetrieb jedoch in den nächsten Jahren weder zusätzliche Kraftwerke noch leistungsfähigere Netze erforderlich.

eb: Die Energieversorgung zukunftssicher zu machen, bedeutet ja unter anderem auch, von fossilen Brennstoffen bei der Stromerzeugung los zu kommen. Wie sieht die Strategie für die nächsten Jahre aus?

Dr. Witschke: Unser erklärtes Unternehmensziel ist es, den Anteil erneuerbarer Energien am Bahnstrom-Mix bis 2020 auf mindestens 35 Prozent zu steigern. Bis 2050, so unsere Vision, sollen Züge emissionsfrei fahren. Mit RWE haben wir erst vor kurzem einen Vertrag unterzeichnet, der uns ab 2014 jährlich 900 Mio. kWh Strom aus deutscher Wasserkraft sichert. Das entspricht rund 8 Prozent des Bedarfs an Bahnstrom und reicht aus, um rund ein Drittel der Fernverkehrsflotte mit Energie zu versorgen.

eb: An welchen Anlagen zur alternativen Stromerzeugung, Wind- oder Solarparks, ist die DB schon beteiligt und was ist geplant?

Dr. Witschke: Die Windfarm Märkisch-Linden mit ihren 20 Windrädern und einer Leistung von 30 MW haben wir Anfang 2010 ans Netz genommen. Anfang dieses Jahres folgte der Abschluss des Stromliefervertrages „Hoher Fläming", einem Windpark mit fünf Windrädern und einer Leistung von 7,5 MW. Noch in diesem Jahr wollen wir Strom aus einem dritten Windpark in Norddeutschland beziehen.

eb: Die belgische Bahn SNCB hat zusammen mit PV-Unternehmen ein Solar-Projekt mit 3300 MW elektrischer Leistung zwischen Antwerpen und der niederländischen Grenze gestartet. Eignet sich eine solche Anlage für die Energieversorgung der Bahn?

Dr. Witschke: Wir haben bei der Deutschen Bahn in einem Projekt untersucht, welche Bahnflächen und –dächer sich besonders für den Einsatz von Photovoltaik eignen. Dabei sind zunächst 19 Potenziaflächen mit einer Gesamtgröße von rund 150 Hektar und einer maximalen Gesamtleistung von 46 MW identifiziert worden. Nun sind wir mitten in der Umsetzung.

eb: Weil Windräder und Solarparks ihren Strom nur selten zum passenden Zeitpunkt am passenden Ort erzeugen, sind verschiedene Formen der Zwischenspeicherung in der Diskussion. Welcher Technologie räumen Sie hier die besten Chancen ein?

Dr. Witschke: Angesichts des Ausbautempos der erneuerbaren Energien in Deutschland brauchen wir sicherlich eine Weiterentwicklung der Speichertechnologien. Welche Technik sich am Ende durchsetzen wird, ob Batterien, Druckluft oder ganz neue Techniken, ist aus heutiger Sicht schwer zu prognostizieren.